Stalins Internet oder: W-H-A-M !




1. Kreml

Der Ort: Ein "ein alternativer Kreml in einem alternativen Moskau", die Zeit etwa 1950. Der Sowjetführer Josef Stalin hat seinen Geheimdienstchef Lawrentij Berija zu sich bestellt:

Stalin: Genosse Berija, ich bin unzufrieden mit der Berichterstattung über allgemein die Sowjetunion und speziell über mich in den westlichen Medien. Mir ist die Idee gekommen, dass wir etwas dagegen unternehmen sollten, und zwar direkt in der Höhle des kapitalistischen Löwen *1, in London. Wie wäre es, wenn wir beispielsweise eine kompakte Ausgabe der Prawda in Englisch herausgeben und als Beilage zur Londoner TIMES verteilen würden? Da könnten sich die britischen Bürger doch aus erster Hand über uns hier in der Sowjetunion informieren?

Berija: Das ist ganz sicher eine vorzügliche Idee, Genosse Vorsitzender. Allerdings würde sie wohl unsere raren Bestände an ausländischen Devisen etwas reduzieren.

Stalin: Trotzdem, gehen Sie das an!

Trotz dem optimistischen Ton dieser Unterhaltung muss Berija einige Monate später schlechte Nachrichten überbringen:

Berija: Genosse Stalin, leider ist die "Aktion Prawda-Beilage" wohl vorerst gescheitert. Zwar haben manche der Times-Abonnenten die Beilage etwas studiert, aber die meisten haben sie wohl einfach weggeworfen. Und dann gab es diese haufenweise bei der Times eintreffenden Protestbriefe, die den Verlag zur sofortigen Einstellung der Beilagenaktion aufforderten, oft in drastischen Worten. Kurz gesagt, die TIMES hat nachgegeben und verteilt unsere Beilage nicht mehr.

Stalin: Ja, das hat sich ja leider schon angekündigt. Aber ich habe da einen Plan B - hören Sie gut zu, Genosse Berija...



2. Plan "B"

Kaum merklich verschiebt sich wenige Monate später, zumindest in Teilen, die Berichterstattung der TIMES. Da erscheinen Berichte im Wissenschafts-Teil der Zeitung, die recht positiv von den Fortschritten sowjetischer Wissenschaftler in verschiedenen Bereichen, z.B. Raketentechnik oder Mikrobiologie, berichten. Im Zeitgeschichte-Teil wird mit warmen Worten der britischen und sowjetischen Marinesoldaten gedacht, die im Zweiten Weltkrieg den Gefahren von Witterung und feindlichen Torpedos trotzten, um die Geleitzüge voller westalliiertem Militärmaterial sicher durch das Eismeer nach Murmansk zu bringen, und oft genug ihr Leben dabei liessen. Und auch im Hauptteil tauchen nun immer 'mal wieder Artikel mit eher UdSSR-freundlichem Grundton auf. Entsprechend kann Berija bald darauf dem Sowjetführer positive Ergebnisse vermelden:

Berija: Genosse Stalin, ich melde den erfolgreichen Vollzug ihres Planes "Wahrheit nach England bringen" *2. Unsere Bemühungen um sowjet-freundliche Korrespondenten und Redaktions-Zuträger bei der TIMES haben Früchte getragen. Ich habe sogar eine dieser neuartigen westlichen Meinungsforschungs-Institute beauftragt, eine entsprechende Studie bei Lesern der TIMES durchzuführen. Danach hat sich die Anzahl derer, die ein eher positives Bild von der Sowjetunion haben, um rund 30% gesteigert, und auch ihre persönlichen Beliebtheitswerte sind um 20% gestiegen!

Stalin: Bravo, Lawrentij! Dafür werden sie einen schönen Orden bekommen. Leider muss die Verleihung aus offensichtlichen Gründen wieder geheim stattfinden, aber das kennen sie ja schon...



3. Pentagon

Niemand weiss, was so alles in den Büros des Kremls damals in den 1950er Jahren besprochen wurde. Aber aus der Abwesenheit einer wundersamen Tendenzumkehr der britischen oder generell westlichen Presse in jenen Jahren lässt sich schliessen, dass - selbst wenn es so einen "Plan B" von Stalin gegeben hätte - er wohl als gescheitert anzusehen wäre.

Wechseln wir also vom "alternativen" Moskau der 1950er zu einem, nennen wir es fiktiven, Virginia im Jahre 2003. Lassen wir im dortigen Pentagon einen "Colonel Curtis" im Büro eines "General Douglas" antreten:

General: Hi, Colonel Curtis. Sie kennen sich doch in diesem neumodischen Computer- und Internet-Kram besser aus als ich. Was halten sie denn von dieser "Wikipedia", die da ein gewisser Jimmy Wales vor 2 Jahren online gebracht hat?

Colonel: Nun, auf jeden Fall sollten wir dieses Projekt einer Online-"Enzyklopädie" beobachten, das hat Potential.

General: Das habe ich auch gelesen. Es wird prophezeit, dass diese Wikipedia in kurzer Zeit die klassischen Enzyklopädien obsolet machen wird, ja dass es sogar die derzeitigen elektronischen Konkurrenten wie Microsofts "Encarta" verdrängen wird.

Colonel: Das sehe ich auch so. Wie wir aus anderen Bereichen wissen, herrscht im Internet eine ganz starke Zentralisierungs-Tendenz. Sobald ein Verfahren erst einmal allgemein akzeptiert ist, strebt die Masse ganz klar zum jeweiligen Marktführer. Beim Thema "Enzyklopädie" wird das sogar noch auffälliger sein, denn wenn die kleineren Plattformen erkennbar mehr "Lücken" im Sachwortschatz haben, wird der Durchschnitts-Benutzer ganz schnell zur grössten Plattform wechseln, und das scheint jetzt schon Wikipedia zu sein.

General: Ist es nicht so, dass bei Wikipedia jeder Artikel einstellen und editieren darf? Und wenn das so ist, sollte nicht das Pentagon seine Expertise in den jeweiligen Bereichen einbringen? Und eigentlich sind wir ja ohnehin die besten Experten auf vielen Gebieten, von Atomkraft über Navigation und Satelliten bis zu Tiefseetechnik.

Colonel: Das mit dem "freien" Editieren stimmt schon, aber leider kann dann ein von uns in die Wikipedia eingestellter Artikel von irgendeinem Laien auch wieder unerwünscht verändert werden.

General: Aber das ist doch letztlich nur eine Frage der "manpower", wir können doch sicher jede in unserem Sinne "falsche" Änderung leicht wieder korrigieren?

Colonel: Auch richtig. Aber wenn so ein hin und her zu weit geht, ein sogenannter "edit war" erkannt wird, greifen sogenannte "admins" oder "sysops" ein und blocken eine von ihnen als "richtig" bestimmte Version zumindest zeitweilig vor weiteren Änderungen.

General: Nun, da müssen wir zusehen, dass von diesen "admins" und "sysops" möglichst viele auf unserer Seite stehen, und dass wir diese elenden Peaceniks, die uns schon den Vietnamkrieg versaut haben, herausdrängen. Apropos Vietnamkrieg: Der oder die entsprechenden Artikel zu diesem Thema wären doch ein gutes Einstiegsprojekt. Ich verstehe schon, dass wir da nicht einfach die Lügen von Johnson oder Westmoreland wiederholen können. Mir schwebt ein durchaus sachlich wirkender, in lexikalischem Stil abgefasster Artikel vor, der auch unsere damaligen taktischen Fehler durchaus beschreibt, der auch ein gewisses Mass an Kritik einfliessen lässt. Aber der den Grundeindruck hinterlässt, das wir uns damals nur mit den besten Absichten "engagiert" haben. Da traue ich ihnen und den Leuten ihres Stabes schon zu, dass sie den richtigen Ton treffen.

Colonel: YES, Sir - wir werden gleich ans Werk gehen.

General: Schön, Curtis. Und wenn die Sache auch in den oberen Rängen Anklang findet, werden wir ihre Abteilung sicher erweitern können. Vielleicht auch um ein paar externe Schreiber - wir werden sehen. Erinnern sie sich noch an unseren Slogan von damals, an "W-H-A-M"?

Colonel: Ja, stand das nicht für "win hearts and minds"?

General: Richtig, nur dass wir damals unsere WHAM-Bemühungen an dumme Reisbauern im Mekongdelta verschwendet haben. Wir müssen vielmehr die Herzen und den Verstand der US-Bürger, ja eigentlich der Bürger aller NATO-Staaten, gewinnen. Für die Erfüllung unserer Mission, die Sicherung der US-Vorherrschaft auf allen Kontinenten, ist die Heimatfront die eigentlich entscheidende geworden. Stellen sie sich vor, was passieren würde, wenn beispielsweise eine neue US-Administration den Militäretat kürzen statt wie bisher regelmässig erweitern würde? Solchen Gefahren müssen wir vorbeugen, dafür brauchen wir ein neues, ein nationales oder besser noch globales WHAM-Programm!



4. Ein voller Erfolg!

Das geschilderte Gespräch zwischen den Militärs "Curtis" und "Douglas" ist zunächst einmal nur Fiktion. Aber wie sieht es aus, wenn wir die Wirklichkeit des Jahres 2026 mit den im fiktiven Gespräch geäusserten Erwartungen vergleichen?

Die Annahmen unserer fiktiven Militärs zur Stellung der Wikipedia in der Medienwelt sind offensichtlich nicht nur eingetreten, sondern noch übertroffen worden. Die ehedem grossen Lexikonverlage haben den Druck ihrer mehrbändigen Kompendien längst eingestellt, und auch Microsoft hat seine einst vielbeworbene "Encarta" beendet. Die Nutzer selbst haben ihre einst oft mühsam über Ratenverträge abgestotterten Ausgaben zuhauf dem Altpapier übergeben. Und niemand wundert sich, dass viele Browserhersteller anbieten, die Wikipedia gleich als "Suchmaschine" einzurichten. Überhaupt ist es vielen Nutzern in den "westlichen" Staaten längst zur Routine geworden, jeden irgendwo auftauchenden unbekannten Begriff, jede Person erst einmal in der Wikipedia nachzuschlagen.

Und niemand kann bestreiten, dass die Suche in der Wikipedia ungemein einfacher ist, als ehedem in den gedruckten Lexika. Statt mühsam einen oder gar mehrere der schwergewichtigen Bände aus dem Regal zu wuchten und dann nach dem Suchbegriff zu blättern, ermöglicht die Wikipedia, den Begriff einfach in ein Suchfeld einzugeben, und schon wird der betreffende Artikel auf dem Schirm angezeigt. Oft muss man nur die ersten Buchstaben des Begriffes eingeben, und schon werden eine Reihe passender (?) Begriffe automatisch vorgeschlagen. Das ist ja genau das, was Microsoft-Gründer Bill Gates einst mit dem Begriff "information at your fingertips" verhiess. Und über die Kombination mit einem schon in vielen Haushalten vorhandenen Gerät wie "Alexa" liesse sich der Vorgang noch anstrengungsloser machen. Statt "Alexa, bestelle mir drei Rollen Klebeband" würde man dem unermüdlichen Lauschgerät "Wiki, was ist ein Pharao?" zurufen, und gleich würde ein zurüstbarer Videoprojektor alles Wissenwerte über Pharaonen an die Wand werfen.



5. Praktikabilität versus Lexikalität

In Sachen PRAKTIKABILITÄT ist Wikipedia offensichtlich unschlagbar. Wie sieht es aber mit dem aus, was man LEXIKALITÄT nennen könnte? Die Wikipedia selbst weiss darüber u.a. folgendes zu berichten:

"Normalerweise erheben Enzyklopädien den Anspruch, objektiv zu sein und nicht für eine Interessengruppe oder Partei zu sprechen."

Nun ist zwar absolute Objektivität oder Neutralität ein nie wirklich erreichbares Ideal, aber als Zielsetzung schon wichtig. Und wer "seine" Wikipedia hauptsächlich zu sozusagen "unschuldigen" Begriffen wie "USB-Schnittstelle" oder "Mitochondrien" befragt, wird den Artikeln vermutlich kaum Einseitigkeit oder neudeutsch "bias" vorwerfen können. Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass dieser Aspekt der Lexikalität bei der Wikipedia trotzdem schon prinzipiell nicht erfüllt wird?

a) Erstaunlicherweise disqualifiziert gerade die allseits geschätzte Aktualität die Wikipedia als Lexikon. Wer in früheren Zeiten einen Beitrag für den Brockhaus oder die Encyclopedia Britannica verfasste, war sich bewusst, dass sein Werk noch in Jahren oder Jahrzehnten ggf. kritisch begutachtet werden würde. Damit einher ging eine Vorsicht bei der Bewertung z.B. zeitgenössischer Personen oder Vorgänge. Wer etwa 1905 damit beauftragt worden wäre, einen Brockhaus-Artikel über Albert Einstein zu verfassen, hätte sich gehütet, dessen "Spezielle Relativitätstheorie" etwa so zu bewerten, wie es vermutlich eine Mehrheit des damaligen akademischen Milieus tat: "Die spinnerte Theorie eines kleinen Patentamts-Angestellten".

b) Eine andere Methode, die man in klassischen Lexika nie geduldet hätte, ist die Praxis, dass Personen der Öffentlichkeit die biographischen Artikel über ihre Person selbst erstellen oder editieren - oder gar von eigenen PR-Abteilungen professionell erstellen und editieren lassen. Letzteres wird von von vielen Werbeagenturen als ganz normale Dienstleistung angepriesen. Wer meint, etwa die Artikel zu Lloyd Austin oder Angela Merkel oder Barack Obama seien von irgendwie "neutralen Hobby-Wikipedianern" verfasst, der ist unglaublich naiv.

Und ebenso naiv wäre es, anzunehmen, die mächtigen Militärs und Geheimdienste gerade der westlichen Welt hätten nicht schon frühzeitig erkannt, welch wunderbare Möglichkeiten zur Meinungssteuerung des Publikums sich mit der so scheinbar neutral als "Enzyklopädie" präsentierenden Wikipedia ergeben würden. Die betreffenden Sätze des fiktiven Generals "Douglas" dürften nur allzu plausibel sein. Wer sich detailliert über die auf verschiedenen Wegen erfolgende Beeinflussung der dortigen Inhalte informieren möchte, dem sei ein Ausflug zur Seite https://wikihausen.de/ empfohlen.



6. Zwei Beispiele

Machen wir eine kleine Stichprobe und vergleichen die Einleitungssätze zu zwei in der deutschen Wikipedia referierten Journalistinnen. Zuerst zu Anja Reschke (https://de.wikipedia.org/wiki/Anja_Reschke):

>Anja Reschke (* 7. Oktober 1972 in München) ist eine deutsche Journalistin, Publizistin und Fernsehmoderatorin. Seit 2001 moderiert sie das Fernsehmagazin Panorama für den Norddeutschen Rundfunk, von 2015 an leitet sie dessen Abteilung Innenpolitik. 2023 begann ihre Reihe Reschke Fernsehen in der ARD.<

Als Gegenpol sei Alina Lipp herausgegriffen (https://de.wikipedia.org/wiki/Alina_Lipp):

>Alina Lipp (* 17. September 1993 in Hamburg) ist eine in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine lebende deutsche Bloggerin. Sie verbreitet prorussische Propaganda und Falschinformationen im deutsch- und russischsprachigen Raum und wurde im Jahr 2025 von der EU sanktioniert.<

Der werten Leserin, dem werten Leser überlasse ich es, selber zu entscheiden, welcher der beiden Artikel eher dem lexikalischen Neutralitäts-Anspruch gerecht wird, und welcher eher als grobe Propaganda *3 anzusehen *4 ist.

Zum Thema der angesprochenen Sanktionierung verweise ich nochmal auf meinen Text "Die Biermann-Ausbürgerung 1976 - fast 50 Jahre danach".



(11.01.2026)



*1 Vielleicht hätte er statt von "Löwe" eher von Bulldogge, dem traditionellen Symboltier Englands, reden sollen.

*2 Da das russische "Prawda" übersetzt "Wahrheit" bedeutet, ein durchaus passendes Codewort.

*3 Nicht einmal die der Frau Lipp im EU-Sanktionsdokument selbst zugewiesene Funktion "Kriegskorrespondentin" (also Journalistin) mochte der Wikipedia-Autor seinem Artikel-Objekt zugestehen.

*4 Übrigens ergibt sich aus der permanenten Editierbarkeit der Wikipedia-Artikel ein Zitierproblem. Niemand kann garantieren, dass die zitierten Einleitungssätze so auch noch morgen oder übermorgen vorzufinden sein werden.


www.truthorconsequences.de