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"Imperium in imperio" mit Bibel und Schwert
1. Kaum noch jemand kennt die Namen "Lord Lansdowne" oder gar "Leopold Greenberg" *1. In Barbara Tuchmans frühem Werk "Bible and Sword" *2 wird ein, freilich indirekter, Kontakt dieser Personen angesprochen:
Um welchen Vereinbarungs-Entwurf geht es hier? Nun, die Zeit ist 1903, und der schon länger als eine Art Sekretär für Theodor Herzl *3 tätige Mr. Greenberg ist zu dieser Zeit in Verhandlungen mit dem Britischen Aussenministerium unter Lord Lansdowne um die Zuweisung eines Kolonialgebietes für jüdische Siedler durch das britische Empire. Hatte man im Vorjahr noch über ein Gebiet auf der Halbinsel Sinai gesprochen, ging es nun um gewisse Regionen in der britischen Kolonie Uganda. Für die Briten hatte Uganda auf jeden Fall den praktischen Vorteil, dass dort die Krone schon regierte, während Sinai und die näheren Regionen (das später Palästina genannte Gebiet, Syrien, die Länder um den Jordan etc.) noch unter Kontrolle der "Hohen Pforte", also des osmanischen Reiches standen. Zwar arbeiteten die Briten schon seit längerer Zeit daran, diese Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen - mussten aber bis zur sogenannten "Mandatserteilung" im Gefolge des ersten Weltkriegs warten. Für die Zionisten um Herzl und Greenberg war Uganda bestenfalls eine Notlösung, denn die eigentlich biblischen Landstriche (also heute Palästina/Israel) waren von Anfang an ihr Ziel gewesen. Lord Lansdowne war zu jener Zeit rund drei Jahre als "Foreign Secretary" tätig, hatte aber schon vorher jahrzehntelange Erfahrung in hohen Positionen des Britischen Empires. Wenn er also fürchtete, den von Greenberg vertretenen Juden gehe es um ein "Imperium in einem Imperium", dann war das mehr als eine Laienmeinung.
2. Barbara Tuchmans Buch "Bible and Sword" von 1956 habe ich als Frühwerk bezeichnet. Im Gegensatz zu anderen Werken von ihr, die noch heute frisch erscheinen *4, kommt im heutigem Leser wohl oft spontan Widerspruch auf. Das hängt sicherlich auch einfach damit zusammen, dass nach der ersten Auflage noch 70 Jahre Geschichte in und um Israel abgelaufen sind, in denen sich auch der israelische Staat selbst stark verändert hat und der heutige Rückblick darauf zu anderen Einschätzungen führt. Es gibt aber auch eher der Autorin zuschreibbare Schwächen. Dazu zählen Begriffe, die kaum oder nicht erläutert werden, wie etwa "pale" für den sogenannten "Ansiedlungsrayon" am Westrand des Zarenreiches *5, oder die vermutlich als übertrieben bedeutend aufgeführten Pogrome von Kishinev (heutiges Chisinau in Moldawien). Mit rund 50 Toten nicht unerheblich, aber verglichen mit tödlichen Auseinandersetzungen anderer Art - sowohl damals wie heute - sicher nicht das einschneidende Ereignis, als das es dargestellt wird. Der damalige zaristische Innenminister von Plehwe wird kurz und bündig als "abhorred" ("verabscheut") vorgestellt, ohne nähere Erläuterung, womit er sich das Prädikat genau verdient haben könnte. Mit heutigen Blick aber am Verstörendsten ist die Beschreibung der israelischen Kolonisation: Kaum je wird darauf hingewiesen, dass diese am Ende ja durchaus nicht in ein nahezu "menschenleeres" Land erfolgte. Für die von Lansdowne ins Auge gefassten Bergregionen von Uganda mag "fast menschenleer" noch zugetroffen haben, für das schliesslich mit der Balfour-Erklärung "zugeteilte" Land aber sicher nicht. Städte und Gebiete wie Jericho, Jaffa, Akkon, Nazareth und natürlich Jerusalem waren eben schon jahrhundertelang besiedelt (mit Arabern, Christen und Juden), wenn auch nicht in der heutigen Dichte. Dem wurde in der vielzitierten Balfour-Declaration schliesslich mit folgender Formulierung Rechnung getragen: "...nothing shall be done which may prejudice the civil and religious rights of the existing non-jewish communities in Palestine...".
3. Es ist wohl nicht verkehrt zu sagen, dass das ganze Buch von einer tiefen Sympathie für "die Juden" und letztlich auch ihr Staatsgründungsprojekt durchdrungen ist. Und es ist auch nicht so schwer zu erklären, woher diese Sympathie - abgesehen von der Abkunft der Autorin - kam: Zum einen waren die Pogrome in Osteuropa (wie Kishinev) vom Anfang des Jahrhunderts noch nicht vergessen, aber vor allem nicht das unendliche Leid, dass den Juden ganz Europas unter der Naziherrschaft zugefügt wurde. Zudem war sich auch der Durchschnittsbürger in den Siegermächten bewusst, dass sich die eigenen Länder in der Reaktion auf die Judenverfolgung der Nazis nicht "mit Ruhm bekleckert" hatten - keiner dieser Staaten hatte frühzeitig umfassende Hilfe zukommen lassen, nirgendwo wurden die ins Exil strebenden Juden wirklich mit offenen Armen empfangen - auch in Tuchmans USA nicht. Das diesbezügliche Schuldgefühl kann man sogar in den Tagebüchern eines Schweizers (Max Frisch *6) herauslesen. Zur Zeit der Verfassung des Buches (1956) war auch das Schicksal der Juden nach dem sogenannten "V-E-Day" *7 noch präsent. Die aus den KZ's befreiten Juden konnten bzw. wollten ja nur zu einem geringen Teil in ihre Vorkriegs-Wohnorte zurückkehren, zahlreich wurden diese als "displaced persons" in provisorisch eingerichtete Lager verbracht. Also nur allzu menschlich, wenn man diesen so lange verfolgten Mitmenschen die Reise in die Balfour'sche "homestead" gönnte, und ebenso die endliche Unabhängigkeit in einem eigenen Staat. Ebenso war es vom Standpunkt der Regierungen der Siegermächte sicher erfreulich, wenn man das - in unterschiedlichem Umfang - auch in den eigenen Staaten gegebene "Judenproblem" bzw. die "Judenfrage" durch "Export" dieser Menschen nach Nahost *8 lösen konnte. Für den britischen Staat jedoch wurde der Vorgang zum Problem: Als "Mandatsverwalter" für Palästina musste man nicht nur technisch diesen Zustrom bewältigen, sondern auch mit dem nun aufkeimenden Widerstand der arabischen Bevölkerung dort umgehen. Und als "Zugabe" auch mit den Aktionen der von radikalem Zionismus befeuerten Untergrund-Milizen der Juden selber (Haganah, Irgun etc.). Die britischen Truppen befanden sich nun ungewollt sozusagen im Kreuzfeuer zweier immer tiefer verfeindeter Gruppen - wenig Wunder, dass sie in den Jahren bis zum Auslaufen ihres "Mandats" wenigstens den Zustrom neuer jüdischer Siedler bremsen wollten. Auftritt oder besser Ausfahrt der "SS Exodus" 1947, wenig später in einem Roman und einer Hollywood-Verfilmung dramatisiert. Tuchman setzt offensichtlich voraus, dass dem Leser von 1956 dieses Drama noch präsent ist, und beklagt auf Seite 292: "Almost from that moment the glory gegan to wear off and the process of detoriation set in, until it reached the day thirty years later when British destroyers fired on the ship named Exodus carrying jewish refugees to the 'National Home'." Die Veröffentlichung der Balfour-Deklaration 1917 war also in den Augen der Autorin ein "Moment der Glorie", der leider mehr und mehr verfiel, um in der unrühmlichen Tatsache des Beschusses der "Exodus" durch britische Zerstörer zu enden. Der heutige Leser könnte nun vermuten, dass die Exodus beschossen wurde, um sie zu versenken. Vielmehr handelte es sich dabei aber um die sprichwörtlichen "Schüsse vor den Bug", die das Schiff stoppen und eine Inspektion durch die schon länger das Schiff eskortierenden Zerstörer ermöglichen sollten.
4. War Frau Tuchman, als sie jenen, verhaltene Empörung über das britische Vorgehen gegen die "Exodus" ausdrückenden Satz niederschrieb, klar, dass die ganze Aktion von A bis Z von der damaligen israelischen Untergrundorganisation Haganah orchestriert war? Es sind zwar noch heute, fast 80 Jahre später, noch Details dazu unklar (man vergleiche etwa diese beiden Web-Einträge hier und hier), aber Einigkeit besteht darüber, dass Anschaffung und Ausstattung des ehemals "President Warfield" genannten US-Paketdampfers sowie der provisorische Umbau zum Massentransporter von der Haganah organisiert und finanziert wurde. Ebenso wurde die Schiffsbesatzung sowie die Schiffsleitung von der Haganah bzw. deren Leuten bestimmt. Schon der Ankauf dieses speziellen Schiffes erfolgte mit Blick auf einen eventuellen Aufbringversuch der britischen Marine - die Ganzmetallkonstruktion sowie das relativ hohe Freibord gaben wohl den Ausschlag. Auch wurden weitere Installationen zur Vereitelung eines "Enterns" angebracht. Ganz offenkundig ging es um einen sorgfältig geplanten Versuch der Blockadebrechung *9, bei dem auch die hohe Zahl der in das Schiff gestopften ehemaligen "displaced persons" und nun hoffnungsvollen jüdischen Neusiedler (über 4000) kühl einkalkuliert war. Im Idealfall hätte das Schiff publicitywirksam seine menschliche Fracht in Haifa an Land gebracht, im wohl eher erwarteten Fall der Aufbringung durch die britische Marine erhoffte man sich - unter Verweis auf die menschlichen Härten für die Passagiere - öffentlichen Druck auf die britische Regierung zur Aufhebung des Einreiseverbotes ausüben zu können. Freilich war das alles eine hochriskante Unternehmung, das (schliesslich erfolgte) Aufbringen hätte weit mehr als den einen dokumentierten Todesfall zur Folge haben können. Da das Schiff von den Zerstörern gerammt wurde (musste?), hätte die Aktion auch zum Untergang des gesamten Schiffes führen können. Jene rund 4000 Menschen im Schiffsbauch wurden, wie man heute sagen würde, eben auch gnadenlos instrumentalisiert *10. Wer war aber die Haganah, und wie konnte so eine Untergrundorganisation, schon lange vor der offiziellen Gründung des Staates Israel, solche finanziellen Mittel und organisatorischen Ressourcen für so ein Projekt aufbringen?
5. An dieser Stelle kommen wir zu einer anderen Gruppe, in der nach der Holocaust-Katastrophe erhebliche Schuldgefühle aufkamen: Dies waren die Reichen und Superreichen jüdischer Abkunft, vor allem in Grossbritannien und den USA, also die Rothschilds, die Goldmans, die Sachs' und andere. Waren vor 1945 die Spenden an die diversen jüdisch-zionistischen Organisationen eher in homöopathischen Dosen erfolgt, so schwollen diese nach '45 zu erheblichen Geldströmen an. Empfänger waren teils die bekannten offiziellen jüdischen Organisationen wie der WJC (World Jewish Congress) oder die WZO (World Zionist Organization), aber auch die in den 1940er Jahren gegründeten "paramilitärischen" Organisationen wie Irgun, Palmach und Haganah *11. Dies erlaubte den Aufbau von weitgespannten Schleuserorganisationen ebenso wie Ankauf oder Miete von Transportschiffen - wie eben der "President Warfield/Exodus". Aber wenden wir den Blick von der durchaus spannenden Geschichte der "Exodus" auf eine andere Gruppe, deren Schuldgefühle freilich noch eine gewisse Zeit benötigten, um sich zu entwickeln. Gemeint sind die Deutschen, die ja in den ersten Nachkriegsjahren zuvorderst damit beschäftigt waren, elementare Bedürfnisse wie wetterfesten Wohnraum, Essen und Heizung zu befriedigen. Mit dem aufblühenden "Wirtschaftswunder" kam gerade in der West-BRD die Frage nach Entschädigungen auf, wozu die gründlichen Deutschen (und ihre alliierten Aufpasser) eine Vielzahl von Gesetzen und Regelungen trafen. Hervorzuheben ist vielleicht das Luxemburger Abkommen von 1952, welches für den jungen Staat Israel eine erhebliche direkte "Anschubfinanzierung" darstellte.
6. Nicht nur der Staat Israel hat sich in den Jahren nach 1948 gewandelt, auch die Wahrnehmung des Landes in den Staaten Europas und insbesondere in der BRD. In den späten 1960er Jahren mögen in der älteren Generation noch oft NS-geprägte Vorstellungen geherrscht haben *12, in den Nachkriegs-Generationen aber war man offen für Berichte aus dem jungen Staat. Und so überrascht es nicht, dass damals ausgerechnet ein israelischer Humorist namens Ephraim Kishon in der BRD sehr populär wurde, Bücher, TV-Sketche und sogar Verfilmungen seiner Kurzgeschichten begeisterten viele Menschen. In diesen Geschichten kämpften die Protagonisten mit den vielen Widrigkeiten des Alltags, seien es renitente Kleinkinder, nervende Nachbarn, Unzulänglichkeiten bei Produkten aus der (sich langsam entwickelnden) israelischen Industriefertigung, Behördenwahnsinn oder die Parkplatznot am Dizengoff-Boulevard - die Bewohner des kleinen Landes als "Leute wie du und ich". Ein Jahr nach dem "Sechstagekrieg" von 1967 kam dann ein Werk namens "Pardon, wir haben gewonnen" in die Buchhandlungen, bei dem im Unterschied zu früheren Büchern Kishons die routiniert-heiteren Geschichten von Karikaturen des als "Dosh" bekannten Maariv-Kollegen begleitet wurden. Betrachtet man heute diese Karikaturen, so erschreckt man, denn es findet sich mehr als eine Spur von Rassismus darin - so werden die arabischen Staats- und Heerführer durchgängig als dümmlich grinsende oder brüllende, dicknasige und/oder zwergenhaft kleine Figuren dargestellt. Die UdSSR bzw. "der Russe", ein fetter Kerl im Kosakenhemd, reicht einem schwächlichen arabischen Staatschef die Axt, mit welcher der (Baum-)Stamm Israel gefällt werden soll. Auch eine gewisse Selbstüberhöhung zeigt sich, wenn UN-Beschlüsse pauschal als "UNrecht" bezeichnet werden. Israel selber, als jungenhaft-schlaksiger David stilisiert, ist derweil nur damit beschäftigt, mit seiner Armee "Brände zu löschen" - oder aber wird vom grobschlächtigen Russen mit "sowjetischen Verleumdungen" überzogen (eine kurze Zusammenstellung von Beispielen ist hier bereitgestellt). Der unbestreitbare militärische Erfolg des Sechstagekriegs begann, so wirkt es, vielen Israelis in den Kopf zu steigen.
7. Zurück zu Tuchmans Buch. Ab Seite 233 wird von den Bemühungen eines früheren Aussenamts-Beamten namens Mr. Lawrence Oliphant erzählt, der in seinem 1880 erschienenen Buch verschiedene Möglichkeiten zur Kolonisierung des biblischen Landes durch jüdische Siedler beschreibt. Jene beschreibt er als "[an] enterprising, energetic people of known business intelligence, industry and wealth". Für das unter der Türkenherrschaft "heruntergekommene" Land würden die jüdischen Kolonisten als ein "unternehmungsfreudiges, energisches Volk von bekannter Geschäftstüchtigkeit, Fleiss und Wohlstand" eine Chance auf neue Prosperität eröffnen. In den folgenden Seiten geht es um Theodor Herzl, sein Manifest "Der Judenstaat" und seine weitreichenden Folgen, u.a. die Bildung des Zionistischen (Welt-)Kongresses, als erster Kongress 1897 sowie als bis heute bestehende Organisation. Auf Seite 248 findet sich dann ein bemerkenswerter Satz, den man als rein bezogen auf Herzl deuten kann, aber ebensogut als Beschreibung eines Nationalcharakters:
Mindestens Herzl, vielleicht aber auch alle Zionisten, waren also von der eigenen Überlegenheit überzeugt. Ende des 19. und anfangs der 20.Jahrhunderts konzentrierten sich Herzl und seine Mitstreiter auf das Nahziel, eine öffentliche Unterstützung der damaligen "Supermacht" Grossbritannien für ein "den Juden" zugeteiltes Kolonialgebiet mit weitreichender Autonomie zu sichern. Mit der Balfour-Declaration von 1917 wurde dies scheinbar erreicht. An dieser Stelle wird Tuchmans Buch wieder erhellend, indem es auf die langandauernden und intensiven Beratungen innerhalb der britischen Regierung, die der Deklaration vorausgingen, eingeht. Eigentlich erstaunlich, denn das fertige Produkt (Faksimile hier) besteht nur aus drei, freilich ziemlich verschachtelten, Sätzen, die auch nach damaligem Völkerrechtsverständnis den Juden eigentlich nichts Konkretes versprachen. Worüber zerbrachen sich da die klugen Köpfe in der Regierung den Kopf, und warum? Zum "warum" liefert Tuchman die These, dass es letztendlich um klassisch koloniale Expansion ging, bei der man ja die damaligen osmanischen Gebiete ohnehin fest im Blick hatte. Und die ganze "Juden-in-Palästina-siedeln-lassen"-Geschichte sei eher als anrührende Erzählung für die britische Öffentlichkeit gedacht gewesen, um den Kolonialanspruch etwas zu bemänteln. Kolonialistisch - ja sicher. Aber inwiefern sollte sich eine Grossmacht-Regierung zwei Jahre *13 nach einem die ganze Welt grundstürzend ändernden Weltkrieg immer noch an eine so vage Zusage wie die Balfours von 1917 (bezgl. der Schaffung eines "national home") gebunden fühlen? Wieso brauchte man für die britische Öffentlichkeit ausgerechnet in diesem Falle eine "anrührende Erzählung" (neudeutsch "Narrativ"), wenn man doch anderswo weit grössere Landstriche ohne solche Sentimentalitäten schlicht annektierte? Vom Ergebnis her scheint jener Lord Lansdowne mit seiner Befürchtung, hier drohe ein "imperium in imperio", vollkommen richtig gelegen zu haben. Die Zionisten haben ein in der Weltgeschichte vielleicht einmaliges Ergebnis zustande gebracht, indem hier ein Volk oder eine Volksgruppe eine veritable Grossmacht dazu brachte, für sie ein Staatsgebiet zu erobern - Kolonialisierung per procura sozusagen! Der Ausdruck "Volksgruppe" ist wichtig, denn - wie auch im Buch erläutert - hatten die Zionisten sehr ernste Auseinandersetzungen vor allem mit den sogenannten "Assimilationisten", die eine allmählichen Assimilation der Juden in die jeweiligen Nationen befürworteten. Herzl's Argument dagegen war, dass mindestens in Russland das Unterdrückungsregime nie aufhören würde. Während aber in Russland die Oktoberrevolution wenigstens die entsprechenden Gesetze selbst hinwegfegte, sollten die Juden in Deutschland - die vermutlich in der Überzahl zu den Assimilationisten zählten - dann etwas später vom Naziregime in einer Form unterdrückt (und ermordet) werden, wie man sie bis dahin nie gesehen hatte.
8. Am 28. Februar 2026 griffen die USA und Israel in einer konzertierten Aktion Iran an. Fast vom ersten Tag an gab es in der US-amerikanischen Öffentlichkeit Diskussionen darüber, ob hier nicht eine "wag-the-dog"-Situation *14 gegeben sei, also sozusagen der "Schwanz" Israel mit dem "Hund" USA wedele - oder etwas weniger figurativ gesagt: Ob nicht die US-Regierung diesen unprovozierten Angriffskrieg letztlich nur auf Geheiss und zum Vorteil Israels bzw. dessen Regierung unter Netanyahu begonnen habe. Wie es mit diesem Krieg weitergeht, der momentan (30.04.2026) nur eingefroren scheint, kann nicht Thema dieses Textes sein. Aber offensichtlich gibt es wieder eine "imperium in imperio"-Situation, wobei das "kleine" Imperium (Israel) in diesem Fall seine Ansprüche auf unbedingte regionale Vormachtstellung nunmehr ganz offen äussert. Von einem Gross-Israel in "biblischen" Grenzen, also möglicherweise bis zum Euphrat etc., ist die Rede. Nur ist offenbar zwischenzeitlich die instrumentalisierte Grossmacht ausgetauscht worden: Das Britische Empire, mit dem Israel noch in der Suez-Krise von 1956 auch militärisch kooperiert hatte, ist abgelöst vom US-amerikanischem "Empire". Dieser Übergang war aber durchaus nicht schmerzlos, wie etwa der Vorfall um das US-Spionageschiff "USS Liberty" zeigt. Daniele Ganser hat diesen Vorgang u.a. in diesem Vortrag bei der Fa. Aquasolar gut erläutert.
9. Welche Folgen hat es, wenn ein (latentes) Überlegenheitsgefühl, wie es schon Herzl gezeigt haben soll, auf eine politische Situation trifft, in der der kolonial-expansiven Macht, hier also Israel, nicht nur kein Widerstand begegnet, sondern in der im Gegenteil mächtige andere Kräfte bei allen Provokationen materiell und politisch-diplomatisch unterstützend tätig sind? Israel war spätestens nach dem gewonnenen Sechs-Tage-Krieg von 1967 in dieser Lage. Seine Annexionen - im Sinai, im Westjordanland, in Syrien - wurden zwar in der Regel in UN-Resolutionen verurteilt. Aber diese führten zu keinerlei "Bestrafung" oder "Sanktionierung", nicht einmal wirtschaftlich, weil die USA ihr Vetorecht im Sicherheitsrat wie einen Schutzschirm über Israel aufspannten. Über unappetitliche Scheusslichkeiten, beginnend mit den getöteten Palästinensern bei den Vertreibungen von 1948 (die "Nakba") über die Massenerschiessungen von Arabern im Sinaifeldzug (deren Gräber teilweise erst jetzt entdeckt werden), oder die willkürlichen Verhaftungen sogar von Kindern (bis heute andauernd) wurde und wird in den Westmedien kaum berichtet. Es ist schon so, wie der israelische Armeegeneral Matti Peled kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg vorhersagte: Die Besatzung veränderte die Israelis selber, sie wurden zu Kerkermeistern - am Ende sogar mit dem grössten Freiluftgefängnis der Welt, dem Gaza-Streifen. Das Überlegenheitsgefühl hat unter der derzeitigen Netanyahu-Regierung extreme Ausmasse erreicht, bei gleichzeitig schwindendem ethischem Verantwortungsgefühl. Das Ziel eines Gross-Israels wird nunmehr offen verkündet. Und die Mittel werden immer extremer: Schon Golda Meir liess die Attentäter von München 1972 gnadenlos von Mordkommandos verfolgen, die ihr Ziel auch unter Inkaufnahme von "Kollateralschäden" (getöteten Unbeteiligten) verfolgten. Noch rücksichtsloser die sogenannte "Pager-Attacke" im Libanon von 2024, bei der vom israelischen Geheimdienst präparierte Pager auf ein Funksignal hin explodierten und nicht nur die eigentlichen "Zielpersonen" von der Hezbollah, sondern auch umstehende Unbeteiligte (auch Kinder) schwer verletzten oder töteten. Die Bewohner des Gaza-Streifens waren schon seit Oktober 2023 Ziel eines gnadenlosen Rachekrieges, und führende Minister Israels erklärten kurzerhand alle Menschen dort zu "Tieren", die man offensichtlich straflos abzuschlachten berechtigt sei. An allen Kriegsschauplätzen fühlte sich die Regierung dazu befugt, um der Tötung eines einzigen "Terroristenführers" willen einen ganzen Wohnblock mit z.B. "2000-pound"-Bomben *k zu pulverisieren. Weswegen auch niemand genau sagen kann, wieviele Leichen sich unter den Schuttbergen in Gaza - und jetzt auch im Süd-Libanon - verbergen mögen. Noch jemand anderes hat einen solchen "negativen Lernprozess" durchgemacht. Als Donald Trump in seiner ersten Amtsperiode den iranischen Armeegeneral und offiziellen Unterhändler Irans, Qasem Soleimani, bei einem offiziellen Besuch im Irak mittels einer ferngesteuerten "Hellfire"-Rakete umbringen liess (2020), erhielt er plötzlich Beifall auch von jenen Teilen der US-Medien, die zuvor sehr gegen ihn polemisiert hatten. Nunmehr, in seiner zweiten Amtsperiode als US-Präsident, hatte jener Trump offensichtlich keine Bedenken mehr, zusammen mit den israelischen "Verbündeten" solche Exekutionen iranischer Amtsträger gleich im Dutzend zu verfügen.
10. In ihrem Vorwort zu 1983er Neuauflage von "Bible and Sword" beantwortet Frau Tuchman die offenbar oft gestellte Leserfrage, warum sie ihre Geschichte der Verbindungen zwischen England und Palästina mit der Verkündigung der Balfour-Declaration 1917 enden lasse, ja nicht einmal ein ergänzendes Kapitel zur "Nach-Balfour-Geschichte" hinzugefügt habe. Ihrer Auffassung nach müsse aber ein Historiker so weit wie irgend möglich vom Gegenstand seiner Betrachtung losgelöst ("detached") sein. Und fügt hinzu: "As regards the fortunes of the Jews and of Israel , I am not detached but emotionally involved." ("Bezüglich des Schicksals der Juden und Israels bin ich eben nicht 'losgelöst', sondern emotional eingebunden.") *15. Insofern war es vielleicht ein Fehler von ihr, das Buch überhaupt begonnen zu haben, oder nicht einfach noch ein oder zwei Jahrzehnte gewartet zu haben, bis die Erzählungen von Verfolgungen und Vertreibungen der Juden, von den KZ's, von den Irrfahrten der Flüchtlingsschiffe und so fort nicht mehr so dominant im eigenen und öffentlichen Bewusstsein wirkten. Das Buch ist aber trotzdem wertvoll, insbesondere wegen der ersten Kapitel, die den immer wieder wechselnden Stellenwert des "gelobten Landes" für die Engländer darlegen. Eine kleine Geschichte der Insel von der Bronzezeit bis zum beginnenden 20. Jahrhundert wird sozusagen "mitgeliefert".
11. Ohne Zweifel haben die Zionisten den Lauf des 20. Jahrhunderts wesentlich mitbestimmt, ja sogar bis in unsere Zeit hinein. Ist Israel nun wirklich "Der Judenstaat", den Herzl und seine Gefolgsleute sich vorgestellt hatten? Kann und darf er es überhaupt sein? Nicht wenige Juden, hauptsächlich ausserhalb Israels, bestreiten das. Einem dieser Kritiker, dem Rabbi Yaakov Shapiro, stösst unter anderem der "Alleinvertretungsanspruch", den der STAAT Israel für ALLE JUDEN weltweit für sich reklamiert, übel auf. In diesen Videos (Teil 1 und Teil 2) erklärt er u.a. die komplizierte Beziehung zu den "Evangelikalen Christen", die gerade in den USA derzeit grossen Einfluss auf die "middle east policy" haben. Ein Rätsel bleibt, wieso sich sowohl die Briten als auch die US-Amerikaner von den Zionisten bzw. ab 1948 von den israelischen Regierungen so umfassend instrumentalisieren liessen. Wer oder was zwang die Briten, sich noch in der Nach-Weltkrieg-II-Zeit an das luftige Balfour-Versprechen zu halten *16 ? Ist es wirklich nur die Betrachtung Israels als eines "unsinkbaren Flugzeugträgers", der die US-Regierungen spätestens seit den 1970er Jahren geradezu an das Schicksal Israels kettet? Und ist es wirklich nur die Scham über die während des "Dritten Reiches" von Deutschen an den Juden verübten Verbrechen, die sukzessive Bundesregierungen - sehr zum Nachteil der Bundesrepublik selber - die Existenz des Staates Israel zur "deutschen Staatsräson" überhöhen lässt? (01.05.2026)
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*1 Lord Lansdowne, eigentlich Henry Charles Keith Petty-Fitzmaurice, 5th Marquess of Lansdowne (1845 -1927), britischer Staatsmann, Aussenminister von 1900-1905. - Leopold Greenberg (1861–1931), britischer Journalist, u.a beim "Jewish Chronicle". *2 "Bible and Sword - England and Palestine from the Bronze Age to Balfour", New York 1956 - ISBN 978-0-345-31427-7 *3 Theodor Herzl (1860-1904), ungarischstämmiger jüdischer Journalist und Rechtsanwalt, Begründer der Zionistischen Bewegung *4 u.a. The Zimmermann Telegram, Guns of August, A Distant Mirror, Sand against the Wind, The March of Folly *5 Ein in der Zeit Katharinas der Grossen festgesetzter Bereich am Westrand des damaligen Russischen Reiches, in dem Juden unter gewissen Beschränkungen siedeln durften, u.a. Teile der heutigen Staaten Weissrussland, Polen, Ukraine und Moldawien umfassend. *6 Max Frisch, "Tagebuch 1946-1949" *7 "V-E-Day"=Victory-in-Europe-Day, der Tag des alliierten Sieges in Europa, 8. bzw. 9.Mai 1945 *8 Für das Gebiet am Ostrand des Mittelmeeres mit Palästina, Libanon etc. sind verschiedene Bezeichnungen üblich, in Europa meist "Nahost", in den USA meist "Middle East", in neuerer Zeit auch "Westasien". *9 Die Briten hatten angesichts der eskalierenden Situation vor Ort einen Einwanderungsstopp verfügt, d.h. Flüchtlings-Schiffen mit Kurs nach Palästina wurde die Weiterfahrt bzw. das Anlanden in den dortigen Häfen untersagt, also eine Teil-Blockade. *10 Gewisse Parallelen zur operativen Strategie heutiger "Rettungsschiffe" im Mittelmeer liegen nah. *11 Diese allesamt im zweiten Weltkrieg entstandenen Untergrundorganisationen wurden formell 1948 nach der Gründung des Staates Israel aufgelöst, wobei vermutlich der Grossteil der Mitglieder in die neue israelische Armee aufgenommen wurde. *12 Wobei auch in dieser Generation Israel oft zumindest grosses Interesse auslöste. So war eine Studentin, die später zur sogenannten "Baader-Meinhof-Gruppe" stossen sollte, sehr erstaunt, im Haushalt der Familie des Arbeitgeberpräsidenten Martin Schleyer zahlreiche Bücher und Bildbände über Israel vorzufinden. Dabei hatte Schleyer im Krieg den Rang eines SS-Sturmbannführers erworben. *13 Das Palästina betreffende Mandat des "Völkerbundes" trat 1920 in Kraft. *14 "Wag the Dog" ist auch der Titel eines unterhaltsamen Hollywood-Films von 1997 mit Starbesetzung (Dustin Hoffman, Robert de Niro) *15 Tuchmans Vater, Maurice Wertheim, war jüdischer Abstammung und u.a. über mehrere Jahre Präsident des "American Jewish Committee". *16 Etwas entschuldigend muss man daran erinnern, dass den Leuten im "Foreign Office" die Entwicklungen in Indien vermutlich noch mehr Kopfzerbrechen bereiteten. Die schliessliche Aufteilung der indischen Kronkolonie in die unabhängigen Staaten "Indien" und "Pakistan" (Ost- und West) resultierte letztlich in einem umfassenden Blutbad, welches mindestens 200'000, nach manchen Schätzungen rund 2 Millionen Menschen das Leben kosten sollte. *k Korrektur: In der ersten Version dieses Textes war fälschlich von "1000-Tonnen"-Bomben die Rede. Der von Israel für die beschriebenen Zwecke benutzte Bombentyp wird aber als "2000-pound-bomb" beschrieben, was nun nicht "1000 Tonnen", sondern etwas über 900 Kilogramm bedeutet. Es dürfte sich um den in den USA als Mark-84 oder BLU-117 bezeichneten Bombentyp handeln. |
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