KI: Angst essen Seele auf



1. Die "Primitiven"

Als sich die Kolonialmächte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert daran machten, die letzten "weissen Flecken" der Welt zu erforschen, hatten insbesondere die mitreisenden Ethnografen gerne ein modernes Dokumentationsmittel dabei, nämlich Fotoapparate samt nötiger Ausrüstung. Nun war damals "unbemerktes" Fotografieren praktisch unmöglich, musste doch zuerst eine klobige Kamera auf ein Stativ gewuchtet werden. Und man musste die menschlichen Objekte um ein Minimum an Kooperation angehen - denn bei den langen Belichtungszeiten dieser Apparate sollten sich die Objekte möglichst sekundenlang nicht bewegen.

Dabei machten diese frühen Ethno-Fotografen bei manchen Stämmen der "Primitiven" eine unerwartete Erfahrung: Nachdem man mit Stolz die ersten entwickelten Fotos den "Indigenen" vorgezeigt hatte, wandelte sich das bisherige Wohlwollen in strikte Ablehnung. Und wo es gelang, die Sprache dieser Stämme hinreichend zu verstehen, wurde auch klar, warum: Diese technisch unerfahrenen Menschen glaubten, der Vorgang des Fotografierens würde ihnen einen Teil ihrer Seele rauben - oder gar die ganze.



2. "Sieht nicht gut aus für mich"

Unter diesem Titel beschreibt in Ausgabe 26 der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 11.Juni 2026 ein Redakteur des Blattes eine Art Selbstversuch mit KI.

Jener Yves B. hat nun nicht einfach eine weitere Plauderei mit Chat-GPT oder einer der anderen geläufigen "KI's" gemacht, wie es gefühlt schon jeder zweite Redakteur der Medien getan hat. Sondern er hat bei einer dieser neuen Firmen einen "KI-Telefonagenten" bestellt. Nach einigen Anfangsproblemen ist der KI-Agent zufriedenstellend parametriert. Yves B. hat es aber dem System auch u.a. dadurch erleichtert, indem er mehrere Gigabyte an von ihm erstellten Podcasts als Trainingsmaterial zur Verfügung stellte. So kann KI-Yves schon bald mit täuschend echter Stimme und mit für Yves B. typischen verbalen "Manierismen" z.B. Kollegen anrufen. Da der unvermittelte Anruf von KI-Yves manchmal zur Verunsicherung der Gesprächspartner führt, entschliesst sich Yves B., mit sozusagen "offenem Visier" zu arbeiten. Sein digitaler Zwilling wird dahingehend angewiesen, sich nunmehr schon am Anfang der Gespräche als "KI-Agent von Yves B." vorzustellen.

Danach erweist sich der Agent als sehr brauchbar: "Er ruft für mich im Restaurant an, plaudert mit Kollegen und führt Interviews". Und gerade bei letzterer, für den Journalisten-Beruf sehr wichtigen Tätigkeit, kann KI-Yves seine immanenten Vorteile voll zur Geltung bringen: Er wird wie jede Maschine nie müde (kann also mühelos 10 Interviews am Tag durchführen), er kann auch nachts z.B. Gesprächspartner in anderen Zeitzonen zu für diesen günstigen Zeiten interviewen, wenn gewünscht auch in anderen Sprachen, und er liefert die Ergebnisse gleich verschriftlicht ab.

Gewiss, noch bemängelt der biologische Yves B., dass die von KI-Yves abgehaltenen Interviews manchmal noch den letzten Schliff vermissen lassen - aber es mag ja womöglich nur eine Frage der eingesetzten Rechenpower oder der Menge des Trainingsmaterials sein, bis auch diese "Scharte" ausgewetzt sein wird.

Kurzum - die Leistungen von KI-Yves sind schon jetzt so gut, dass des "echten" (?) Yves' Resümee im Subtitel etwas resignierend lautet: "Leider, besser als ich".

Bei soviel Lob für die KI mag der Gedanke aufkommen, dass der ganze sich immerhin über drei Seiten erstreckende Artikel selber von einer KI verfasst sei. Gegen Ende des Textes weist der Autor aber darauf hin, dass "die ZEIT ausserhalb dieses Experiments keine Interviews von KI-Agenten führen lässt und nur komplett von Menschen geschriebene Artikel veröffentlicht".



3. Das "in"-Thema

Neben diesem interessanten Beitrag von Yves B. zu seinem Selbstversuch finden sich in derselben ZEIT-Ausgabe noch zwei weitere Artikel zu KI/AI: Auf Seite 24 geht es um die Bemühungen der deutschen TÜV-Gesellschaften, sich auch in diesem Bereich "industrieller" Tätigkeit als in Regierungsauftrag eingesetzter Prüfer zu etablieren (und prospektiv Gewinne zu generieren). Überschrift: "Diese KI ist TÜV-geprüft".

Im nächsten Artikel auf Seite 37 unter dem Titel "Viele Nutzer wollen, dass die KI rät" geht es um die Einschätzungen, die ein Mr. Mark Chen als Forschungschef von OpenAI trifft. Auf die zumindest indirekt von Yves B. angesprochenen Sorgen um Arbeitsplatzverlust will Mr. Chen nicht wirklich eingehen, aber es gibt das Bekenntnis "Wir entwickeln hier eine transformative Technologie." Und mindestens erkennt Mr. Chen: "Die Menschen brauchen das Gefühl, dass sie an den Veränderungen beteiligt sind." Von irgendeiner Mitwirkung an Ziel und Umsetzung der "Transformation" ist da allerdings keine Rede, ein "Gefühl" zu erzeugen soll wohl reichen.

Auch das aktuelle MAKROSKOP-Magazin kommt mit gleich vier Artikeln zu KI/AI daher, ebenso ist es für das amerikanische TIME-Magazine ein prominentes Thema. Auf dem Titel der Ausgabe vom 22. Juni wird ein in Bau befindliches "data center" der Firma "NScale" abgebildet, der zugehörige Artikel erläutert zum Standort (einem Tal in Norwegen bei Narvik), dass dieser wegen des günstigen Stroms und der vereinfachten Kühlung ausgewählt wurde. Im Endausbau werde es 520 Megawatt an elektrischer Energie konsumieren. Im Artikel erfährt man weiter, dass weltweit an der Errichtung von rund 800 "data centers" ähnlicher Grössenordnung gearbeitet wird.

Schliesslich beschäftigt sich auch der als "MAGA"-Unterstützer gebrandmarkte US-Journalist Tucker Carlson mit "artificial intelligence": Iin einem seiner Podcasts berichtet er u.a. auch von einem gigantischen data center, geplant im relativ gering bevölkerten US-Bundesstaat Utah. Im Endausbau soll eine Fläche so gross wie die Halbinsel Manhattan mit Technik-Hallen voller IT überzogen werden, mit entsprechendem Verbrauch von Elektrizität und Wasser (als Kühlmittel).



4. Angst

Wir sollten dem ZEIT-Autor "Yves" wirklich dankbar sein, dass er sich dem beschriebenen Selbstversuch unterzogen hat. Denn es gibt immer noch Menschen, die so einen Versuch nie unternommen hätten, die im Gegenteil, wo immer bisher KI-"Hilfe" angeboten wird, diese bewusst ablehnen. Kein Chat-GPT, keine KI-befeuerte Suchmaschinen-Abfrage, keine KI-Zusammenfassung von eMails oder ähnliches.

Der Grund dafür könnte schlicht ANGST sein, weshalb ich auch den Titel des bekannten Fassbinder-Films "Angst essen Seele auf" aufgegriffen habe.

Eine Angst, die durchaus vergleichbar sein mag mit der im ersten Absatz beschriebenen Angst der "Primitiven" - davor, durch KI-Nutzung einen Teil der eigenen "Seele" einzubüssen. Oder wenn schon nicht die Seele, dann mindestens einen Teil der kognitiven Fähigkeiten. Studien, die so einen Schwund an Kognitionskraft bei KI-Nutzern bestätigen, gibt es nun schon einige, etwa vom bekannten Massachusetts Institute of Technology ("Brain on Chat-GPT") oder der Zeitschrift Psychology Today ("Adults lose skills...").



5. "Der seekranke Walfisch"

In der Filmstadt Hollywood war es schon in den 1960er Jahren für jede im "Business" halbwegs bekannte Person üblich, einen persönlichen Agenten zu haben. Und diese Agenten haben auch ziemlich genau das gemacht, was der ZEIT-Redakteur seinem KI-Agenten "beibrachte": Termine vereinbart, Verhandlungen geführt, unerwünschte Personen abgewimmelt.

In einer seiner Kurzgeschichten *1 hat der damals in der BRD vielgelesene Humorist Ephraim Kishon das Verhältnis zwischen "celebrity" und Agent überspitzt wie folgt geschildert: "Mit mir [Kishon] wollte kein einziger meiner Verhandlungspartner sprechen. Alle zogen es vor, direkt mit meinem Agenten zu verhandeln."

Wenn unser Yves B. seinem KI-Pendant eine eigene Telefonrufnummer für Rückrufe einrichten würde, wäre es denkbar, dass seine Kontakte irgendwann auch lieber mit KI-Yves als mit Analog-Yves reden wollen - schon deshalb, weil KI-Yves den Terminplaner regiert.



6. Die verschenkte Seele

"I owe my soul to the company store", hiess es in einem einst populären US-Lied *2. Hat der experimentierfreudige Yves B. nun seine Seele an irgendeine "company" verschenkt? Nun wird der Begriff "Seele" sicher ganz verschieden interpretiert, aber dass Yves B. der Firma, die die KI-Agenten anbietet, sehr persönliche Daten in einem exorbitanten Umfang letztlich kostenlos überlassen hat, ist sicher. Aus dem Kontext lässt sich schliessen, dass sogar umgekehrt Yves B. bzw. der ZEIT-Verlag für die daraus entwickelten Dienste zahlen musste *3.

An den "Abgriff" diverser persönlicher Daten haben wir uns ja schon im Umgang mit "dem Netz" gewöhnt, aber in diesem Fall geht es ja viel weiter. Nicht nur, dass Yves B. gigabyte-grosse Trainingsdaten in Form seiner Podcasts zur Verfügung stellte - durch die nachfolgenden Konfigurations-Optimierungen und die kritische Analyse der Ergebnisse hat der analoge Yves seinem "KI-Double" bei der Synthetisierung der "Quintessenz von Redakteur Yves" geholfen; ein Regelsatz, der der Firma nun bei der Synthetisierung weiterer Kundenprofile nützlich sein wird.

Auch Listen der von der ZEIT für "interessant" erachteten Interviewpartner sind nun im System, ebenso wie die Antworten der Gesprächspartner (wenigstens operierte KI-Yves in dieser Hinsicht "mit offenem Visier").

Wenn die am Ende des Artikels geäusserten Regeln der ZEIT gelten, so wird Yves B. nach Abschluss des Experimentes sicher die Löschung von "KI-Yves" anordnen. Und sicherlich wird er sich danach nicht mehr in das Konfigurations-Tool einwählen können. Aber wird der Datensatz wirklich gelöscht sein? Überprüfen können wird es weder Yves B. noch der ZEIT-Verlag. Eher ist davon auszugehen, dass der nunmehr "ausser Dienst" gestellte KI-Agent auf irgendeiner Festplatte auf irgendeinem Server der Firma irgendwo auf der Welt abrufbar bleibt.



7. Aus zwei mach eins

Möglich wäre, dass auch die Chefin von Yves B., Frau Zanny Minton-Beddoes als ZEIT-Herausgeberin, mit so einem KI-Agenten experimentierte. Vielleicht nicht so umfassend und zeitintensiv wie ihr Redakteur - schliesslich ist sie bemerkenswerterweise in Personalunion auch Herausgeberin des britischen "Economist". Genügend Trainingsdaten könnte aber auch sie zur Verfügung stellen, mindestens für den Economist hat sie reichlich Video-Podcasts erstellt.

Dann würde es auch ein "KI-Double" von Mrs. Minton-Beddoes geben. Und dann könnte man in der KI-Company auf den Gedanken kommen, aus den beiden Datensätzen von "Yves" und "Zanny" eine Art Hybrid-Persönlichkeit zu erstellen, als sozusagen "Quintessenz des idealen ZEIT-Journalisten". Und dieser vielleicht scherzhaft "Zany-Yves" genannte Hybrid könnte dann als Muster, als "template", für neue Kunden und deren "KI-Doubles" herangezogen werden. Denn die Optimierung der "user experience", das kennen wir schon aus unzähligen Mitteilungen der Software-Firmen, steht ja für diese angeblich immer im Mittelpunkt.



8. Cui prodest?

Wenn Yves B. sein Experiment mit einem resignativen "leider besser als ich" zusammenfasst, sollen wir daraus schliessen, dass der Hauptzweck der von so vielen Seiten ausgerufenen "KI-Revolution" in der massenhaften Vernichtung von Arbeitsplätzen bestehen soll - nicht nur in der Medienbranche? Manche Auguren sprechen diesbezüglich von 50% oder mehr obsolet werdenden Arbeitsplätzen. Dann würden die "fortschrittlichen Industrienationen" einem schon von Henry Ford benannten wirtschaftlichen Problem begegnen: "Autos kaufen keine Autos". Die KI-Agenten werden ebensowenig Autos wie Kleidung kaufen, kein Geld für Restaurantbesuche oder Urlaubsreisen ausgeben. Eine Gesellschaft mit einer Arbeitslosenquote von 50% oder mehr dürfte wohl kaum demokratisch regierbar bleiben.

Der schon erwähnte Tucker Carlson weist in seinem Podcast auf die interessante Tatsache hin, dass in der öffentlichen Diskussion um KI/AI kaum jemals auf konkret erwartbare Vorteile "für uns" eingegangen wird. Werden die Autos durch KI sparsamer, die Züge durch KI schneller, die Wohnungen durch KI billiger werden? Ausser Hinweisen auf z.B. mögliche diagnostische Vorteile in der Krebs-Früherkennung kommt da eigentlich nichts, auch z.B. beim ZEIT-Interview mit Mr. Chen von OpenAI.

Da laut Mr. Carlson zumindest in den USA der Ausbau von KI als alternativlos dargestellt wird, weil "wir [die USA] besser als China" sein müssten, scheint ein Faktor das Streben nach militärischer Dominanz zu sein. Sind dafür sich über dutzende Quadratkilometer erstreckende Server-Farmen wie in Utah erforderlich? Oder geht es (auch) darum, wirklich von jedem Bürger ein "elektronisches Double" zu erstellen, dessen Intentionen analysier- und damit steuerbar werden, noch bevor sich der "echte" Individuums-Träger selber dessen bewusst ist? Ein "big brother" im Orwell'schen Sinne mit "predictive policing" *4? Dafür bräuchte man nun tatsächlich gigantische Rechen- und vor allem Speicherkapazität.

Vielleicht wird "uns", dem einfachen Fussvolk der sogenannten fortschrittlichen Industrienationen, allein schon durch den medialen "Overkill" rund um KI oder AI eine "Angst, die die Seele auffrisst" eingepflanzt.

(23.06.2026)



*1 "Der seekranke Walfisch", 1968 im Deutsche Taschenbuchverlag dtv erschienen

*2 "Ich schulde meine Seele dem Firmen-Geschäft" - aus einem Lied von Tennessee Ernie Ford - siehe:

https://www.songtexte.com/songtext/tennessee-ernie-ford/sixteen-tons-53c3cb35.html

*3 Leider macht Yves B. keine Aussagen über die Kosten. Auch die von ihm beauftragte Firma VAPI (vapi.ai) erteilt nur auf eine konkrete Nutzeranfrage hin Preisauskünfte.

*4 Als "predictive policing" bezeichnet man Techniken, die eine Straftat (welcher Art auch immer..) im Idealfall noch vor der Tatausführung durch ausgeklügelte Vorhersagetechniken verhindern soll.


www.truthorconsequences.de